Die erste Fotoserie – Kunst, Kultur & Kiosk

Das Studium zum Fotojournalisten schreitet voran und damit auch der Umfang an neuen Herausforderungen. So kam es, dass ich als Aufgabe eine eigene Fotoserie erstellen sollte, das Thema konnte ich frei wählen. Nach einigem Grübeln mit meinem Mitbewohner entstand die anfängliche Idee, den Charme und Zeitgeist alter Kioske bzw. Trinkhallen im Ruhrgebiet einzufangen. Ich glaube, dass fast jeder, der im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, sich daran erinnern kann, als Kind am Kiosk eine gemischte Tüte, Kratzeis oder die neueste Zeitschrift zu holen und keinen Hunger mehr zu haben, wenn das Mittag- oder Abendessen zu Hause aufgetischt wurde.

Mich begleiten viele Erinnerungen an diese Zeit. Damals gab es gefühlt an jeder Ecke ein Kiosk. Arbeiter und Anwohner trafen sich dort und tranken in der Mittagspause oder nach Feierabend ihr Bier und bildeten eine lebhafte Nachbarschaft. So wurde der Kiosk auch zum Begegnungsort und Anlaufstelle für soziale Kontakte. Leider musste ich während meiner Recherche feststellen, dass viele alte Trinkhallen bereits verschwunden und einem Neubau gewichen sind. Es gibt zwar nach wie vor viele Kioske, aber die meisten davon sind frisch renovierte Läden. Von den wirklich alten Getränkehallen aus den 60er- und 70er-Jahren sind nicht mehr viele übrig geblieben.

Immer mehr Supermärkte und verlängerte Öffnungszeiten führten im Laufe der Zeit dazu, dass Kioske ihre Kundschaft verlieren. Die Gesellschaft ist schnelllebiger geworden und hat sich gewandelt. Dinge, die vorher bewusst am Kiosk gekauft wurden, werden nun mit dem Wocheneinkauf kombiniert. Umso trauriger, wenn dadurch einzelne Büdchen nach vielen Jahrzehnten schließen müssen, die vorher verlässlich Menschen aus der Umgebung versorgten. Mit ihnen schwindet auch ein Stück lokales Leben, daher ist es auch kein Wunder, dass Kioske inzwischen zum kulturellen Erbe des Ruhrgebiets gehören.

Die Bundesregierung hatte gerade den zweiten Lockdown während der Corona-Pandemie verkündet, was mich schlussendlich auf die Idee brachte, die gegenwärtige Situation der Pandemie mit dem Problem des Kiosk-Sterbens zu verbinden. Der Plan war geboren! Erst während meiner Recherche ist mir aufgefallen, dass es schon in der Vergangenheit einige Foto-Projekte gab, die das Thema Kioske im Ruhrgebiet aufgegriffen und auf ihre Weise verarbeitet haben, wie zum Beispiel der Foto- & Filmdesigner Reinaldo Coddou H., welcher gleich einen ganzen Bildband veröffentlicht hat. Nun, meine Idee war anscheinend nicht gerade ein origineller Ansatz, aber dafür umso mehr ein Herzensprojekt, weshalb ich sie trotzdem weiter verfolgt habe. So ging es 2 Tage quer durch das Ruhrgebiet, über Witten nach Dortmund, Bochum, Herne, Essen und Oberhausen.

Eine Reise durch die Zeit mit überraschendem Ausgang

Nach und nach die einzelnen Standorte zu besuchen und mir vorzustellen, wie damals das Leben dort wohl stattgefunden hat, fühlte sich wie eine kleine Zeitreise an. Während der Tour hatte ich den Eindruck, eine mir doch recht bekannte Region noch mal von einer ganz anderen Seite kennenzulernen. Herrlich in Nostalgie schwelgend war ich jedes Mal ganz aufgeregt, wenn es zur nächsten Adresse ging. Weil traurigerweise deutlich mehr alte Trinkhallen verschwunden sind als gedacht und das Tageslicht schon um 16:00 Uhr gleiches beabsichtigte, blieben nach dem Aussortieren genau 11 Fotos übrig, die für eine Serie tauglich waren. Na toll! Wie soll daraus jetzt eine Komposition entstehen, die einigermaßen funktioniert?

Hier noch mal die Fotoserie – Kunst, Kultur & Kiosk – (anklicken für eine größere Ansicht)


Zuerst hatte ich mich für eine Serie bestehend aus 9 Fotos entschieden. Die Anordnung der Fotos ist so gestaltet, dass sich der Blick von den umliegenden Fotos zum Mittelpunkt hin zentriert. Hier ist auch der Mittelpunkt des gesamten Themas wiederzufinden. Das Kiosk-Sterben im Ruhrgebiet illustriert durch den geschlossenen Kiosk mit Spitzdach.
Herumschieben und Anpassen der Fotos, hat gefühlt die meiste Zeit in Anspruch genommen und war am Ende reines Glück, da die äußeren Fotos durch ihren Aufnahmewinkel die Zentrierung zum Mittelpunkt unverhofft unterstützen. Zu guter Letzt verdichten sich jeweils in den vier Ecken der 9er-Serie die Bildinformationen zu den Außenseiten hin, was wiederum innerhalb der Komposition einen Rahmen schafft. So stehen alle Fotografien miteinander in Bezug.

Manchmal kommt es vor, dass man sich schweren Herzens von seinem Lieblingsfoto trennen muss, weil es einfach nicht hineinpasst. So ging es mir mit dem letzten Foto der Serie ganz rechts. Da ich mich partout nicht trennen wollte und das Gefühl hatte, die Serie ist so noch nicht vollständig, kamen die beiden äußeren Fotos noch hinzu und erweiterten das Werk zu einem Breitbildformat. Auf diese Weise bilden sie den thematischen Rahmen der Serie und führen den Betrachter von links in die Straße einbiegend, vorbei an dem alten, kaum noch zu erkennenden Kiosk, hinein in die 9er-Serie und über das letzte Foto wieder hinaus.

Die Serie ist bewusst in Schwarz-Weiß gehalten, eben weil dieses Thema kein Neues ist und somit einen zeitlosen Charakter besitzt. Innerhalb der Serie gibt es immer wieder Hinweise auf die Corona-Pandemie, was ihr wiederum einen subtilen Zeitstempel verleiht. Ich glaube, am Ende ist dabei eine bescheidene Fotoserie entstanden, die überraschend gut funktioniert und zeitgleich ein nostalgisches Bild unseres kulturellen Erbes zeichnet. An der Stelle habe ich bewusst offen gehalten, diese Serie fortzuführen und bin gespannt, wie sie Euch gefällt und ob Ihr gerne mehr davon sehen möchtet?

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