Die Geschichte eines zufälligen Fotos

Es ist Sonntag, Mitte November. Die Corona-Pandemie hält uns immer noch in Schach und der 2. Lockdown schränkt das Leben erneut stark ein. So bleibt mir nicht viel übrig, als meine Zeit zu Hause im Homeoffice zu verbringen und an verschiedenen Projekten zu arbeiten. In den letzten Tagen hat sich das Wetter ohnehin nicht unbedingt von seiner besten Seite gezeigt, was es einem leichter machte, so viel Zeit zu Hause zu verbringen. Heute aber scheint die Sonne, als gäbe es kein Morgen und eine innere Stimme sagt mir, dass das wahrscheinlich sogar der letzte halbwegs warme Tag vor dem endgültigen Wintereinbruch sein wird. Also nahm ich mir fest vor, das schöne Licht zu nutzen und vielleicht auch ein paar Herbstfotos zu machen, bevor das letzte Laub gefallen und die Bäume endgültig kahl geworden sind. In Arbeit versunken zog der Tag jedoch an mir vorbei, ohne noch mal an meinen Plan zu denken. Es war ein beiläufiges Geräusch, eigentlich nichts Besonderes, das mich aus dem Fenster blicken ließ. Als ich nun das Licht der langsam untergehenden Sonne sah, schoss mir mein Plan schlagartig zurück ins Gedächtnis. Verdammt, das dürfte knapp werden!

Ich klappte den Laptop zu, zog Jacke und Schuhe an, schnappte meine Schlüssel und fuhr los. Es dauerte nicht lange, als mir plötzlich auffiel, dass ich meine Kamera gar nicht mitgenommen habe. Die Sonne stand inzwischen dem Horizont sehr nahe und ich sah mich schon im dunklen durch den Wald stapfen, trotzdem wendete ich den Wagen und fuhr verärgert zurück nach Hause. Mein Ziel war ein Waldstück in Herdecke, in dem ich schon länger nicht mehr unterwegs gewesen bin. Dies hatte natürlich zur Folge, dass ich nun den falschen Parkplatz ansteuerte und der Fußweg ein viel längerer war. Mittlerweile verschmolz die Sonne mit dem Horizont und ich vermutete, dass auch schon bald die Dämmerung einsetzen würde. Um das Beste aus dieser Situation zu machen, lief ich daher einfach drauflos und improvisierte meine Route. Inzwischen war die Hoffnung auf ein halbwegs interessantes Foto sowieso längst verschwunden.

Während ich nun endlich durch das Unterholz stapfte, sah ich durch die Bäume auf der gegenüberliegenden Seite des kleinen Tals, in dem ich mich befand, ein altes Fachwerkhaus. Es lag versteckt mitten im Wald, umgeben von Nadelbäumen. Leider hatte ich keinen guten Winkel für ein Foto, also setzte ich meinen Weg fort, welcher mich schon nach kurzer Zeit auf einen Wanderweg führte. Das Haus hatte ich längst vergessen, als ich unterdessen dem Wanderweg bergab folgte und darauf wartete, etwas Interessantes zu entdecken. Nach einer Weile entschloss ich mich aus einer plötzlichen Intention heraus, nach links in den Wald zu biegen und querfeldein den steilen Wald hochzulaufen. Gefühlte 15 Minuten und einige rutschige Passagen später kam ich auf einen schmalen Pfad, der sich quer den Hügel entlang schlängelte. Es mag an der Erschöpfung und dem Sauerstoffmangel nach dem steilen Aufstieg gelegen haben, jedenfalls versetzte mich der Anblick des schmalen Pfades in Staunen.

Das restliche Tageslicht traf hier oben noch seicht die Wipfel, während es dem Wald eine einzigartige mystische Stimmung einhauchte und das Laub der Bäume in melancholischen Farben erscheinen ließ. Ich steuerte eine kleine Lichtung an, die mir schon von Weitem auffiel und da war es wieder! Auf der gegenüberliegenden Seite stand mitten im Wald das alte Fachwerkhaus. Von hier oben konnte ich zum ersten Mal erkennen, dass unterhalb sogar noch ein zweites Haus stand. Der Blick durch den Sucher meiner Kamera verriet mir, dass das ein interessantes Motiv werden könnte.

Sofort war meine Neugierde geweckt. Es dauerte nicht lange, bis das restliche Tageslicht endgültig verschwand und die Dunkelheit anfing, Einzug zu halten. In der Zeit, die mir am Ende aber blieb, hätte das Licht nicht besser sein können. Wirklich bewusst wurde mir das alles erst in der Nachbearbeitung, als mir dieses eine Foto begegnet ist. Was anfangs als Fotorunde gedacht war, endete als verzweifeltes herumpeilen im Wald, nur um es wenigstens versucht zu haben. Angesichts der Umstände kann ich mich wohl glücklich schätzen, am Ende mit solch einem Ergebnis nach Hause gekommen zu sein. Das Bild hat etwas von einem Ölgemälde, findet Ihr nicht auch?!

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