Wie sehr beeinflussen uns Bilder? – Eine Frage der Ethik

… oder die ewige Frage, was richtig und falsch ist?

Durch einen Facebook-Post des Leibnitz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam bin ich erneut auf ein spannendes Thema aufmerksam geworden, das mich schon beschäftigt hat, bevor ich überhaupt zur Fotografie gefunden habe. 
Es geht um die Ethik von Bildern, bzw. Fotos im Fotojournalismus. Der Umfang dieses Themas ist riesig, daher möchte ich im Folgenden auch nur meine grundlegenden Gedanken dazu mit Euch teilen.

Bilder besitzen Macht. Sie können Kriege und politische Katastrophen auslösen, Gesellschaften spalten und Geschehnisse verzerren. Auf der anderen Seite unterhalten uns Bilder täglich, transportieren Informationen und konservieren Augenblicke. Spätestens seit fast jeder ein Smartphone besitzt, ist die Masse an Bildern und ihre individuelle Bedeutung in unserem täglichen Leben so groß wie nie zuvor. Dies führt unter anderem dazu, dass in den öffentlichen Debatten und in den Medienhäusern schon länger ein Kampf um die Deutungshoheit von Bildern entbrannt ist.

Parallel stelle ich mir immer wieder die Frage, wie es wohl ist, wenn Menschen vor deinen Augen unter Konflikten leiden und es dein Job ist, das Geschehen authentisch und ehrlich darzustellen, während um dich herum gerade alles Mögliche passiert? Wie schaffe ich es, dass meine Bilder hinterher nicht verzerrt werden? Wie schaffe ich es, den Augenblick würdevoll zu fotografieren und eventuell auch Zeitgeschichte zu dokumentieren, ohne eine gewisse Grenze zu überschreiten? Wo liegt diese Grenze? Ist es okay, dass ich überhaupt hier bin? Bin ich ein Voyeur?

Häufig wird der Vorwurf einer Ästhetisierung des Elends oder eine Überzeichnung von Gewalt bis hin zum Schockfoto laut. Das liegt unter anderem an Fotografen wie Todd Maisel, der ein Foto einer abgerissenen Hand nach den Anschlägen am 11. September in Nahaufnahme und Farbe zeigte, um dem Schrecken auf seiner Weise angemessen zu begegnen. Oftmals werden Bilder in ihrem Kontext verzerrt, um eine möglichst große Aufmerksamkeit und damit verbundene Klickzahlen zu erreichen. Die Grenze zum puren Voyeurismus ist daher fließend und seit jeher Bestandteil geführter Debatten.

Eine Ethik in der Fotografie ist sehr wichtig, um eine Grenze festzulegen und die Würde der Opfer zu wahren. Leider gibt es bis heute keine klare Grundlage dafür. Das Themenspektrum der Bildethik ist groß und umfasst Themen wie beispielsweise Gewalt, Frauenbilder, Diskriminierung, Emotionalisierung, Ästhetisierung, Kontextfälschung, Materialfälschung oder Retusche. Zudem ist ein Foto in der Regel subjektiv, da der Urheber seinen persönlichen Blick auf ein Geschehen richtet. Dadurch entsteht zusätzlich die Gefahr, dass Minderheiten aus einer privilegierten Perspektive heraus nicht angemessen oder ungenau dargestellt werden. Aus diesem Grund ist es auch interessant, welcher Fotograf hinter einem Foto steckt und wie sein moralischer Kompass ausgerichtet ist, denn hinter jedem Foto steckt wiederum eine Geschichte. 

Die Geschichte von Bissan Maroun – Journalismus ganz unten

Wie wichtig das sein kann, zeigt die Geschichte von Bissan Maroun aus Beirut. Ein einzelnes Foto hat eine große Kontroverse ausgelöst und ihr Leben völlig auf den Kopf gestellt. 2007 gewann das Foto des Fotografen Spencer Platt den World Press Photo Award. Wie ein Lauffeuer ging es durch alle Medien rund um die Welt. Die Zeitungen interpretierten den Sachverhalt aus ihrer Sicht und erlaubten sich bereits in den Bildunterschriften ihr eigenes Urteil. So hieß es, zu sehen seien reiche junge Libanesen, die Kriegstourismus betreiben. Andere beschwerten sich über die knappen Outfits der Frauen oder empfanden das Auto als reine Provokation. Noch bevor die wahre Geschichte bekannt wurde, gab es viel Häme, Kritik und Aufruhr unter Kriegsfotografen. 

Es war der 15. August, ein Tag nach dem offiziellen Waffenstillstand. 33 Tage lang haben sich die Hisbollah und die israelische Armee bekämpft. Dabei hat die israelische Armee Luftangriffe im gesamten Libanon gestartet, während die Hisbollah Raketen auf Ziele im Norden Israels schoss. Während der israelischen Luftangriffe flohen Bissan, ihr Bruder Jad und ihre Schwester Tamara aus ihrem Stadtviertel Sfeir. Sie fanden Unterschlupf in einem Hotel in Hamra, einem Stadtteil von Beirut, wo sie auch die beiden anderen Frauen trafen, die auf dem Foto zu sehen sind. Beide waren Angestellte im Hotel und konnten, als der Krieg ausbrach, in einem der Zimmer Unterschlupf suchen.

Ob Bissan und ihre Geschwister jemals nach Hause zurückkehren können, war ungewiss. Sie wussten nicht einmal, ob ihr Apartmentblock noch steht. Als endlich der Waffenstillstand verkündet wurde, konnte sich Jad den Mini Cooper einer Bekannten ausleihen, um gemeinsam nachzuschauen, was von ihrem alten Leben übrig geblieben ist. Sie quetschen sich zu 5. ins Auto und öffneten das Verdeck, denn es war sehr heiß an diesem Tag und fuhren los. Der Rest ist Geschichte.

Aus den Augenwinkeln sah der Fotograf Spencer Platt das Auto, hob sein Kamera und schoss drauf los. Schnell wurde von den Medien eine eigene Realität um dieses Bild herum konstruiert und am Ende tat es dem Fotografen leid, solch eine unangenehme Situation für die Beteiligten damit ausgelöst zu haben. Tatsächlich gibt es neben einer großen Kluft zwischen Arm und Reich auch solch einen Tourismus im Libanon, nur gehörten Bissan und die anderen nicht dazu. Sie kamen selber aus der Dahiye, also der Vorstadt. Erst durch ein Interview mit Bissan und Veröffentlichung der wahren Geschichte haben sich die Wogen geglättet. 

Ist das der allgemeine Konsens? – Ohne Mich!

Auf der einen Seite ist es immer eine Abwägung, ob ein Geschehen aufgrund zeithistorischer Relevanz dokumentiert wird und zur späteren Wahrheitsfindung beiträgt oder ob es bloße Effekthascherei ist. Auf der anderen Seite ist die Veröffentlichung von großer Relevanz. Es macht einen Unterschied, ob ein großer Verlag oder verschiedene Medienhäuser ein Bild veröffentlichen und berichten, oder ob der Fotograf seine Dokumentation selber publiziert. Das Beispiel von Bissan Maroun zeigt sehr gut, in was für einer schwierigen Lage sich die Mediengesellschaften nicht nur hierzulande befinden. Es lohnt sich generell, einen Blick darauf zu werfen, wie eine Geschichte aufbereitet wurde und ob die Berichterstattung tendenziös ist.

In der Vergangenheit gab es zudem immer wieder Bilder in verschiedenen Medien, die mit Bildbearbeitungsprogrammen manipuliert und in ihrer Aussage verzerrt wurden. Ein Beispiel dafür sind die Nahost Friedensgespräche im Weißen Haus 2010. Welchen Einfluss Bilder und Texte haben können, sehen wir beispielsweise in den sozialen Netzwerken, wenn Wahlkampf betrieben wird oder wenn es um Konflikte geht. Durch die Manipulation von Bildern und einer bewusst falschen oder reißerischen Berichterstattung geraten Journalisten immer mehr in Verruf. Gleichzeitig sind die Anfeindungen stark gestiegen und Angriffe, Geiselnahmen und Tötungen von Journalisten nahmen laut Statistik seit 2002 zu.

In Zeiten von Fake News ist der Aspekt der Bild- & Medienethik als eine letzte Bastion für den Journalismus zu sehen. Nicht zuletzt auch aufgrund von selbsternannten Reportern mit ihrem Smartphone. Das öffentliche Ansehen der Medien schwindet immer mehr, während gleichzeitig Zweifel am Wahrheitsgehalt der Berichterstattungen immer lauter werden. Dazu tragen die verschiedenen Medienhäuser selber fleißig bei, um auf der Welle der Empörung mitzureiten und wiederum Aufmerksamkeit für sich zu generieren. Verhaltensweisen, die wir seit Jahrzehnten von der BILD gewohnt sind, finden wir inzwischen auch bei einer Mehrheit anderer Verlage. Reißerische Überschriften mit Clickbait-Charakter und Artikel, die auf Aufmerksamkeit statt Inhalt setzen, gehören inzwischen zum Tagesgeschäft.

Es ist wichtiger denn je, authentische und ehrliche Berichterstattung zu liefern, um den Falschmeldungen und Falschbehauptungen etwas entgegenzusetzen. Das Medium Bild und inzwischen auch das Medium Video nehmen eine immer größere Rolle in der Meinungsbildung ein, während in sozialen Netzwerken wiederum Falschmeldungen und sogenannte Filterblasen eine eigene Realität konstruieren. Angesichts all dieser Dynamiken ist es essenziell, Vertrauen in den Journalismus wiederherzustellen und zu zeigen, dass auch gute und authentische Berichterstattung zu finden ist! 

Wenn wir uns die gegenwärtige Situation bewusst machen, wird schnell klar, dass die eingangs gestellten Fragen nur sehr schwer zu beantworten sind. Um das Bild zu vervollständigen und vielleicht Antworten zu finden, ist es daher wichtig, auch einen Blick auf die andere Seite der Bilder zu werfen und zwar dem Fotojournalismus. Weil das allerdings den Rahmen eines Beitrages sprengt, widme ich mich dem Thema demnächst in einem separaten Blogeintrag.

 

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